Entromantisiert euch

Kaum ein Buch hat mich jemals so aufgerüttelt wie dieses Buch von Beatrice Frasl und noch niemals vorher habe ich unsere Welt so in Frage gestellt, wie nach der Lektüre dieses Buches.

Eines wurde mir direkt nach dem Lesen klar: Wir müssen unsere Einstellung zum Familiensystem, der romantischen Liebe und die Art, wie wir Gesellschaft leben noch mal ganz neu auf den Prüfstand stellen. Wir haben uns jahrelang die falschen Fragen gestellt.

Warum macht der Ehemann nicht mehr im Haushalt? Warum hängt der ganze Mental load an der Frau? Warum muss man Männern sagen was im Haushalt für Arbeiten anfallen und warum verdienen Frauen nicht das gleiche Geld für die gleiche Arbeit?

All diese Fragen kratzen gerade mal die Oberfläche dieses Themas an und sie lösen es nicht in der Tiefe!

Die richtigen Fragen wären viel einfacher: Wem nützt dieses System der Kleinfamilien überhaupt? Und wem nützt es überhaupt nicht?

Nachdem ich das Buch gelesen habe ist mir eines klar geworden. Wir Menschen, die wir uns innerhalb der Kleinfamilie bewegen und versuchen unser Leben zu bestreiten, wir haben gar nichts davon. Wir fühlen uns alleine, verlassen, verloren und überfordert mit diesem Leben, dass uns glauben macht dass wir jedes Problem alleine lösen müssen. Wir fühlen uns nicht mehr eingebettet in eine Gesellschaft, wir fühlen uns isoliert.

Als ich ein Kind war, lebten wir mit meiner Großtante in einem Haus, danach mit meinen Großeltern. Es war immer jemand da, wie lebten in einer sozialen Gemeinschaft, in der sich alle umeinander gekümmert haben. Wenn meine Mutter krank war, hatte ich Großeltern und einen Vater, die sich um mich kümmerten. Ich war nicht isoliert, ich war eingebunden in ein soziales Gefüge. Wir hörten zusammen Radio, spielten miteinander „Mensch ärgere dich nicht“ und halfen uns gegenseitig.

Als ich dann 11 Jahre alt war und wir in eine kleine Wohnung gezogen sind wurde alles anders. Meine Eltern hatten noch einen gut funktionierenden Familien- und Freundeskreis. Doch damit waren wir die Ausnahme, die anderen Familien waren isoliert. Wenn die Mütter meiner Freunde krank waren, dann brach das System zusammen. Die Hauptverantwortliche fiel aus und damit taten sich Lücken auf, die die Familie oft nur schwer schliessen konnte.

Meine beste Freundin war Halbwaise, mit Vater und einer kranken Großmutter in einem Haushalt. Sie war oft alleine und einsam, während der Vater den ganzen Tag gearbeitet hat um das notwendige Einkommen zu verdienen. Was dabei auf der Strecke blieb war die Beziehung zu seiner Tochter.

Am Liebsten besuchte ich eine Klassenkameradin, deren Familie Italiener waren. Da lebten alle unter einem Dach und es saßen 11-13 Leute am Tisch. Es wurde gelacht, gespielt, zusammen gekocht, gegessen und getanzt. Was für eine schöne verbundene Gemeinschaft.

Wem also nutzt die Kleinfamilie? Scheinbar uns Menschen nicht. Ja wem denn dann? Den Elektronikhändlern, Autoverkäufern, den Vermietern…also dem Konsum. Denn wenn alle in Kleinfamilien leben und in allen die gleichen Bedürfnisse geweckt werden, dann verdienen die am meisten, die genau dafür Konsumgüter herstellen.

Was sind die Nachteile dieser Lebensweise: Bist du alleine dann bewohnst du ggf. 80qm Wohnfläche, für die du immense Energiekosten tragen musst und hast vielleicht nicht mal mehr genug um dir täglich eine warme Mahlzeit zu kochen. Du hast vielleicht kein Gefüge mehr dass dich unterstützt und vereinsamst traurig und verlassen.

Aber was würde passieren, wenn wir dieses System der Kleinfamilie endlich in Frage stellen? Wenn wir uns in Gemeinschaften zusammen schließen, die sich gegenseitig unterstützten? Wenn wir den mangelnden Wohnraum nicht durch noch mehr Bauten verändern sondern durch neue, moderne Lebensformen? Wenn wir statt immer mehr konsumieren würden unsere Ressourcen gemeinschaftlich nutzten? Wäre damit nicht jedem von uns viel mehr geholfen? Es gäbe weniger Einsamkeit, weniger soziale Kosten, weniger Armut, weniger Energieverbrauch.

Wir leben alle das falsche Leben. Das System der Kleinfamilie wird den Bedürfnissen, die wir Menschen haben, nicht gerecht. Es hinterlässt ein Gefühl der Leere und Unzufriedenheit, die auch ein noch größerer Konsum nicht füllen kann. Wenn der Mann gerade nicht reden will und die Frau braucht ein Gespräch, dann bleibt sie alleine mit ihrem Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit, dass in einer sozialen Gemeinschaft so leicht zu erfüllen wäre, ohne dass die Kinder den Gesprächspartner ersetzen müssten. Und auch den Kindern tut diese Kleinfamilie nicht gut. Wenn Menschen in größeren Gemeinschaften zusammen leben, dann können Kinder all ihre Neugier und ihre Fragen mit ganz unterschiedlichen Personen erfüllen. Sie haben Menschen, die unterschiedliche Fähigkeiten und Interessen einbringen in die Gemeinschaft und können so ihr eigenes Wissen und ihre Fähigkeiten immens erhöhen.

Menschen sind nicht geschaffen für ein Einzeldasein, Einsamkeit und Einzelkämpferleben. Wir entwickeln unsere Stärken nur in der Gemeinschaft und im gemeinsamen Austausch.

Lest dieses Buch und dann hört in euch hinein. Das ist ein Weckruf der alles in Frage stellt, was wir gerade leben.

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